Leaders Care

Präsentismus – keine Zeit fürs Kranksein?

Der Wan­del in der Arbeits­welt und die stei­gen­den Ansprü­che an Leis­tung, Ver­füg­bar­keit und Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung haben unser Arbeits­ver­hal­ten stark geprägt. Arbei­ten trotz Krank­heit ist heute gän­gige Pra­xis. Über­spitzt for­mu­liert: Passt Krank­sein nicht mehr in unser Ter­min­ka­len­der? Der fol­gende Blog-Beitrag wid­met sich dem Phä­no­men Präsentismus.

Auto­rin: Sil­via Col­me­nero, Fach­spe­zia­lis­tin Gesund­heits­ma­nage­ment,  Helsana Ver­si­che­run­gen AG

Immer mehr Arbeit­ge­ber grei­fen zu krea­ti­ven Mass­nah­men, um Fehl­zei­ten zu redu­zie­ren und die Pro­duk­ti­vi­tät Ihres Unter­neh­mens zu stei­gern. Eine Mass­nahme, die in den Medien aktu­ell immer wie­der dis­ku­tiert wird, ist die soge­nannte «Anwe­sen­heits­prä­mie». Das Prin­zip dahin­ter ist ein­fach, Mit­ar­bei­tende, die über einen defi­nier­ten Zeit­raum keine Absenz vor­wei­sen, also am Arbeits­platz anwe­send sind, wer­den mit einem Geld­be­trag belohnt. Krea­ti­vi­tät zahlt sich aus – diverse Schwei­zer Unter­neh­men berich­ten, wie sie dank einem sol­chen Beloh­nungs­sys­tem ihre Absen­zen und ins­be­son­dere Kurz­zeit­ab­sen­zen stark redu­zie­ren konn­ten. Doch hat ein sol­ches Beloh­nungs­sys­tem nicht auch seine Schat­ten­sei­ten? Der Anreiz auch krank zur Arbeit zu erschei­nen ist nicht zu unterschätzen.

Prä­sen­tis­mus ist ein ver­brei­te­tes und vor allem kom­ple­xes Phä­no­men. Stu­dien bele­gen, dass viele Arbeit­neh­mende trotz gesund­heit­li­chen Beschwer­den zur Arbeit gehen. Das Ver­hal­ten krank oder nicht voll leis­tungs­fä­hig am Arbeits­platz zu erschei­nen, wird in der Lite­ra­tur als Prä­sen­tis­mus bezeich­net. Die Begriffs­de­fi­ni­tion ist aber nicht ein­deu­tig, denn Per­so­nen, die an einer chro­ni­schen Erkran­kung lei­den (z.B. Dia­be­tes) sind nicht per se Prä­sen­tis­ten, wenn sie ihrem Berufs­all­tag nach­ge­hen. Zusätz­lich beinhal­tet Prä­sen­tis­mus neben gesund­heits­be­ding­ten auch wei­tere Kom­po­nen­ten, wie bei­spiels­weise eine moti­va­ti­ons­be­dingte Kom­po­nen­ten. Diese zeigt sich, wenn Arbeit­neh­mende zwar am Arbeits­platz anwe­send sind, aber den Leis­tungs­er­war­tun­gen auf­grund der Arbeits­ge­stal­tung (Unter– oder Über­for­de­rung) oder auf­grund per­sön­li­cher Pro­bleme nicht gerecht wer­den kön­nen. Um zumin­dest die­sem Blog­bei­trag ein biss­chen Kom­ple­xi­tät zu neh­men, fokus­siere ich mich in den wei­te­ren Aus­füh­run­gen auf Prä­sen­tis­mus, als das Ver­hal­ten krank zur Arbeit zu erscheinen.

Die Ursa­chen von Prä­sen­tis­mus sind viel­fäl­tig.. Nebst umwelt­be­ding­ten Fak­to­ren wie die wirt­schaft­li­che Lage und die damit ein­her­ge­hende Arbeits­plat­z­un­si­cher­heit oder Angst vor mög­li­chen beruf­li­chen Nach­tei­len, spie­len auch zuneh­mend arbeits­be­dingte Fak­to­ren eine wich­tige Rolle bei der Erklä­rung von Prä­sen­tis­mus. Nicht sel­ten gehen Arbeit­neh­mende aus Pflicht­be­wusst­sein wegen hoher Auf­trags­menge, Zeit– oder Per­so­nen­man­gel krank zur Arbeit –schliess­lich möchte man die eige­nen Arbeits­kol­le­gen nicht zusätz­lich belas­ten oder fürch­tet sich vor deren Reak­tion. Hand auf’s Herz, liebe Lese­rin­nen und Leser, kennt ihr die­ses Ver­hal­ten nicht auch aus eurem Berufsalltag?

Prä­sen­tis­mus scha­det der eige­nen Gesund­heit und dem Unter­neh­men. Die Kos­ten von Prä­sen­tis­mus fal­len um ein viel­fa­ches höher aus, als die­je­ni­gen für Absen­tis­mus. Kranke Mit­ar­bei­tende ste­cken Team­kol­le­gen an, sind unkon­zen­triert, machen Feh­ler und nei­gen zu Arbeits­un­fäl­len. Die Arbeits­qua­li­tät und – pro­duk­ti­vi­tät ist teil­weise ein­ge­schränkt, Arbeits­kol­le­gen müs­sen das kom­pen­sie­ren und die Belas­tung im Team erhöht sich. Nicht zu unter­schät­zen sind zudem die indi­vi­du­el­len Fol­gen. Wenn man sich nicht die not­wen­dige Rege­ne­ra­ti­ons­zeit gönnt, wer­den Krank­heits­sym­ptome «ver­schleppt», die Gene­sung ver­zö­gert sich Rück­fälle, Chro­ni­fi­zie­rung bis hin zu Lang­zeit­ab­sen­zen kön­nen das Resul­tat sein. Anwe­sen­heit um jeden Preis – lie­ber nicht!

Anknüp­fungs­punkt für die Pra­xis: Um die Arbeits– und Leis­tungs­fä­hig­keit von

Mit­ar­bei­ten­den lang­fris­tig zu erhal­ten und zu för­dern, braucht es von Sei­ten des Unter­neh­mens ein kla­res Com­mit­ment zum Thema Gesund­heit. Der allei­nige Fokus auf Anwe­sen­heit reicht nicht mehr aus, denn anwe­sende Mit­ar­bei­tende, sind nicht auto­ma­tisch gesund und leis­tungs­fä­hig. Die Ein­füh­rung eines Betrieb­li­chen Gesund­heits­ma­nage­ments kann Sie dabei unter­stüt­zen die Gesund­heit von Ihren Mit­ar­bei­ten­den zu ver­bes­sern und so Ihr Unter­neh­men von innen zu stär­ken. Da jedes Unter­neh­men indi­vi­du­ell ist, gibt es lei­der kein Patent­re­zept um Prä­sen­tis­mus zu redu­zie­ren. Um adäquate Mass­nah­men abzu­lei­ten, müs­sen die Ursa­chen und Fol­gen von Prä­sen­tis­mus in Ihrem Unter­neh­men ana­ly­siert werden.

Füh­rungs­kräfte spie­len eine ent­schei­dende Rolle bei der Früh­er­ken­nung von Prä­sen­ti­mus am, dar­über hin­aus sollte aber auch jeder Arbeit­neh­mende die Ver­ant­wor­tung für die eigene, sowie die Gesund­heit sei­nes Arbeits­um­fel­des wahr­neh­men. Die fol­gen­den Fra­gen sol­len Ihnen als mög­li­che Grund­lage für die wei­tere, gedank­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit der The­ma­tik Prä­sen­tis­mus am Arbeits­platz dienen:

  • Achte ich auf Warn­zei­chen mei­nes Kör­pers? Nehme ich die Ver­ant­wor­tung für meine eigene und die Gesund­heit mei­ner Kol­le­gen wahr und bleibe, wenn nötig zu Hause?
  • Über­lege ich mir vorab, ob krank zur Arbeit zu kom­men mich und meine Arbeits­um­ge­bung gefährdet?
  • Bin ich mir bewusst, dass gesund­heit­li­che Beschwer­den meine Leis­tungs­fä­hig­keit und fer­ner Arbeits­qua­li­tät beeinflussen?
  • Nehme ich als Füh­rungs­kraft Warn­zei­chen bei mei­nem Mit­ar­bei­ten­den wahr und spre­che ich diese an?
  • Meine Vor­bild­funk­tion als Füh­rungs­kraft: Wie ist mein eige­nes Ver­ständ­nis von Arbeit und Gesund­heit? Lebe ich selbst ein gesund­heits­för­der­li­ches Ver­hal­ten vor oder för­dere ich unbe­wusst, dass Mit­ar­bei­tende aus Pflicht­be­wusst­heit krank zur Arbeit kommen?
  • Ver­trau­ens– vs. Miss­trau­ens­kul­tur in Unter­neh­men: Wer krank ist krank und macht nicht blau?
  • …?

Diese Auf­lis­tung ist nicht abschlies­send, aber hof­fent­lich der Start­schuss für eine span­nende Dis­kus­sion mit Ihnen, liebe Lese­rin­nen und Leser. In die­sem Sinne: Ist Prä­sen­tis­mus auch in Ihrem Unter­neh­men ein Thema? Wel­che Erfah­run­gen haben Sie damit gemacht?

 

SilviaColmenero_250x250Über die Autorin:

Sil­via Col­me­nero hat an der Uni­ver­si­tät Zürich das Mas­ter­stu­dium in Sozial-, Orga­ni­sa­ti­ons– und Wirt­schafts­psy­cho­lo­gie absol­viert. Sie ist bei Helsana als Fach­spe­zia­lis­tin Gesund­heits­ma­nage­ment tätig und bloggt seit kur­zem im KMU-Expertenblog über gesund­heits­re­le­vante The­men im Arbeits­kon­text (u.a. Prä­ven­tion, Betrieb­li­ches Gesund­heits­ma­nage­ment, Unfall und Krank­heit etc.)

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