Customer Excellence

Service-Champion – Servicekultur als Prozess begreifen

Sabine Hüb­ner ist Unter­neh­me­rin und Prak­ti­ke­rin durch und durch. Sie berät erfolg­reich Kon­zerne und Mit­tel­ständ­ler, die ihre Ser­vice– und Unter­neh­mens­kul­tur nach­hal­tig ver­bes­sern wollen.

Im Wett­be­werb um die Gunst der Kun­den ist eine indi­vi­du­elle, auf die Kun­den und die eige­nen Pro­dukte abge­stimmte Ser­vice­stra­te­gie zu einem ent­schei­den­den Fak­tor für Unter­neh­men gewor­den. Dass es sich hier um einen lang­wie­ri­gen Pro­zess und nicht um zufäl­lige Aktio­nen han­delt, erläu­tert Sabine Hüb­ner anläss­lich ihres Keynote-Referates am Swiss CRM Forum 2015 in Zürich.

Den Begriff Ser­vice­kul­tur füh­ren heute viele Unter­neh­men im Munde, doch für einige ist er nicht mehr als ein Schlag­wort. Wäh­rend sich man­che Ände­run­gen ziem­lich schnell umset­zen las­sen, gilt das für den Bereich Ser­vice nicht. Statt nur einen Schal­ter umzu­le­gen, geschieht der Auf­bau einer Ser­vice­kul­tur Schritt für Schritt – und er bedarf der stän­di­gen Pflege. Wer heute mit Ser­vice beim Kun­den punk­ten will, der braucht eine durch­dachte Ser­vice­stra­te­gie und eine umfas­sende Ser­vice­kul­tur, ja eine „Service-DNA“. Ebenso wich­tig wie die zeit­li­che Dimen­sion ist die Erfas­sung aller Unter­neh­mens­ebe­nen. So ver­fes­tigt sich eine neue Ser­vice­men­ta­li­tät nur dann, wenn von der Emp­fangs­se­kre­tä­rin bis zum Geschäfts­füh­rer alle mit Elan und inne­rer Über­zeu­gung bei der Sache sind.

Inhalt­li­che Unbestimmtheit

Ser­vice ist ein schil­lern­der oder, was den Kern des Pro­blems wohl eher trifft, nebu­lö­ser Begriff. Diese Unschärfe trägt zur immer noch unzu­rei­chen­den Ser­vice­o­ri­en­tie­rung in vie­len öster­rei­chi­schen Unter­neh­men bei. Wäh­rend ganz klar ist, was unter Ent­wick­lung, Ver­trieb oder Mar­ke­ting fällt, sieht das beim Ser­vice ganz anders aus. Schlim­mer noch: Viele glau­ben, bereits mit der Auf­nahme von Phra­sen wie „Ser­vice hat bei uns Prio­ri­tät“ in die Unter­neh­mens­grund­sätze ihre Schul­dig­keit getan zu haben. Bleibt es jedoch beim Lip­pen– oder gar nur schrift­lich nie­der­ge­leg­ten Bekennt­nis die­ser Art, so wer­den die Kun­den kaum eine Ver­bes­se­rung erwar­ten können.

Posi­tiv betrach­tet, qua­li­fi­ziert gerade seine inhalt­li­che Unbe­stimmt­heit das Thema Ser­vice als Instru­ment zur Dif­fe­ren­zie­rung, sprich zur Gewin­nung ent­schei­den­der Wett­be­werbs­vor­teile im Markt. Dazu muss Ser­vice aber mehr als ein Schlag­wort sein. Jedes Unter­neh­men braucht seine indi­vi­du­elle, auf die eige­nen Bedin­gun­gen und Kun­den­struk­tur ange­passte Ser­vice­stra­te­gie. Statt blos­ser Phi­lo­so­phie sind kon­krete Leit­li­nien gefragt, die mit einem Team ent­wi­ckelt, den Mit­ar­bei­tern kom­mu­ni­ziert sowie anschlies­send kon­se­quent und nach­hal­tig umge­setzt werden.

Mit der Giess­kanne ver­teilte Ser­vice­leis­tun­gen mögen zwar ab und zu den einen oder ande­ren Kun­den erfreuen, haben aber nichts mit stra­te­gisch ange­leg­tem Ser­vice zu tun, der allein jedem Kun­den zu jeder Zeit best­mög­li­che Betreu­ung garan­tiert. Und das ist es, was der Kunde heute erwar­tet. Er will nicht auf das Glück ange­wie­sen sein, einen gerade gut gelaun­ten Mit­ar­bei­ter zu erwi­schen, son­dern er will sich auf ein repro­du­zier­bar hohes Niveau der Ser­vice­leis­tun­gen ver­las­sen können.

Erwar­tun­gen übertreffen

Die Ent­wick­lung einer Ser­vice­stra­te­gie beginnt in der Pra­xis mit der Ana­lyse der augen­blick­li­chen Situa­tion. Dabei defi­niert das Unter­neh­men bei­spiels­weise seine Kun­den­kon­takt­punkte sowie die Ansprü­che der Kun­den und trägt die der­zei­ti­gen Ser­vice­leis­tun­gen auf jeder die­ser Stu­fen zusam­men. Anschlies­send soll­ten  Ver­bes­se­run­gen in Form klar for­mu­lier­ter Ser­vice­le­vel, Ser­vice­mo­dule und Pro­zesse fest­ge­legt wer­den, wobei es gilt, den Kun­den nicht nur zufrie­den­zu­stel­len, son­dern seine Erwar­tun­gen zu über­tref­fen, ja ihn mit „Ser­vice de Luxe“ zu ver­füh­ren. Nur so wer­den neben den aus­ge­spro­che­nen auch die nicht geäus­ser­ten und viel­fach unbe­wuss­ten Wün­sche des Kun­den erfüllt und übertroffen.

Um Ser­vice­kul­tur durch­gän­gig imple­men­tie­ren zu kön­nen, muss jeder Mit­ar­bei­ter wis­sen, dass der Unter­neh­mens­er­folg und in der Folge auch sein eige­ner beruf­li­cher Erfolg in die­sem Unter­neh­men von der Kun­den­loya­li­tät abhän­gen. Und somit sind alle Mit­ar­bei­ter – unab­hän­gig davon, ob sie Kun­den­kon­takt haben oder nicht – gefor­dert. Genauso wich­tig wie die Kom­mu­ni­ka­tion und das Vor­le­ben der Leit­li­nien von „oben nach unten“ ist übri­gens auch ein Trans­port in umge­kehr­ter Rich­tung. Nur wenn jeder Mit­ar­bei­ter eigene Ideen ein­brin­gen kann und eine gewisse Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz hat, wird Ser­vice wirk­lich gelebt. Und nur dann kann eine „Service-DNA“ des Unter­neh­mens ent­ste­hen – eine unver­wech­sel­bare Codie­rung der Ein­stel­lung und des Han­delns in Sachen Ser­vice, wel­che die Arbeit aller Abtei­lun­gen und aller Berei­che bestimmt.

Eine hohe Ser­vice­qua­li­tät ent­steht nur, wenn wir ver­ti­ka­les Abtei­lungs­den­ken durch über­grei­fende, hori­zon­tale Kom­mu­ni­ka­ti­ons­struk­tu­ren erset­zen. Anstatt iso­lier­ter Ser­vice­zir­kel in jeder Abtei­lung soll­ten Teams mit Ver­tre­tern aus allen Abtei­lun­gen zu jeweils einem bestimm­ten Ser­vice­thema zusam­men­kom­men; damit stets das Ganze im Fokus steht. Nur auf diese Weise wer­den die Ein­zel­in­ter­es­sen eines Bereichs den Inter­es­sen des Gesamt­un­ter­neh­mens und damit letzt­end­lich den Inter­es­sen der Kun­den unter­ge­ord­net. Erst dadurch wie­derum wird das Wort Kun­den­ori­en­tie­rung von der Phrase zur wirk­sa­men Richt­schnur. Kunde im Vor­der­grund Dabei sind klar defi­nierte Ser­vice­pro­zesse auf dem Weg zum „Service-Champion“ uner­läss­lich, aber sie soll­ten nicht das Urteils­ver­mö­gen aus­ser Kraft set­zen. Pro­zesse errei­chen nie Per­fek­tion und vor allem dür­fen sie kein Selbst­zweck sein, son­dern ein­zig und allein dem Kun­den die­nen. Für jedes Unter­neh­men gilt daher die Losung: «Wir alle arbei­ten nicht für die Pro­zesse, son­dern für den Kunden.»

Das bedeu­tet, dass Pro­zesse den Regel­fall abde­cken, sich Mit­ar­bei­ter in Aus­nah­me­fäl­len auch über einen Pro­zess hin­weg­set­zen kön­nen dür­fen, um für den Kun­den das Rich­tige zu tun.  Wachs­tums­mo­tor Ser­vice Die Sen­si­bi­li­sie­rung für das Thema Ser­vice­qua­li­tät ist durch­aus vor­han­den. Doch wenn man genauer hin­schaut, sind viele Unter­neh­men nach wie vor auf die Mini­mie­rung ihrer Kos­ten durch Ratio­na­li­sie­rung fixiert. Das ist eine Unter­neh­mens­po­li­tik, die mit dem Glau­ben an die her­aus­ra­gende Bedeu­tung des Prei­ses als Wett­be­werbs­in­stru­ment kor­re­spon­diert und inso­fern nicht  der inne­ren Logik entbehrt.

Sie geht den­noch an der Rea­li­tät in den Zukunfts­märk­ten vor­bei, wie Stu­dien zei­gen. Danach ist gelebte Kun­den­ori­en­tie­rung bereits heute ein enor­mer Wachs­tums­mo­tor – und sie wird es ange­sichts immer stär­ker aus­tausch­ba­rer Pro­dukte, aus­ge­reif­ter Tech­no­lo­gien und gesät­tig­ter Märkte in den kom­men­den Jah­ren noch ent­schei­den­der sein. Für uns keine über­ra­schende Ent­wick­lung, denn die Bedin­gun­gen der moder­nen Arbeits­welt und Gesell­schaft erfor­dern immer intel­li­gen­te­ren Ser­vice. In einer Welt, die immer unüber­sicht­li­cher wird und immer mehr Optio­nen bie­tet, fal­len Men­schen Ent­schei­dun­gen immer schwe­rer. Zudem erfor­dert heute der Job volls­ten Ein­satz und Fle­xi­bi­li­tät, sodass die frei ver­füg­bare Zeit immer mehr zusam­men­schmilzt. Im B2B-Bereich brau­chen Unter­neh­men ihre Res­sour­cen, um sich auf ihr Kern­ge­schäft zu konzentrieren.

Schlag­wort: Simplexity

Service-Champions ver­ein­fa­chen ihren Kun­den des­halb das Leben, indem sie ihnen bei der Aus­wahl der am bes­ten auf ihre Bedürf­nisse zuge­schnit­te­nen Ange­bote hel­fen. Oder sie über­neh­men läs­tige Arbei­ten, für die ein Laie oft unver­ständ­li­che Bedie­nungs­an­lei­tun­gen stu­die­ren müsste. Sie hal­ten bei­spiels­weise den Kun­den über den Sta­tus eines Bestell­vor­gangs auf dem Lau­fen­den, sodass er nicht nach­te­le­fo­nie­ren muss – alles Stra­te­gien, die zu mehr Kun­den­loya­li­tät füh­ren. Sim­ple­xity, eine Kom­bi­na­tion aus Sim­pli­zi­tät und Kom­ple­xi­tät, heisst das neue Schlag­wort, das auch auf den Ser­vice Aus­wir­kun­gen haben wird.

Es gibt heute schon sehr inter­es­sante, tech­no­lo­gisch ori­en­tierte Ser­vice­in­no­va­tio­nen wie intel­li­gente Waren­wirt­schafts– oder Bestell­sys­teme. Das wird jedoch nicht aus­rei­chen. Ser­vice, der ankommt und auf­fällt, macht dem Kun­den das Leben leich­ter, siche­rer oder schö­ner, erhöht den Wert des Ange­bo­tes oder inten­si­viert den per­sön­li­chen Kon­takt. Ser­vice die­ser Art hebt Unter­neh­men aus der Masse her­aus, ver­leiht ihnen ein unver­wech­sel­ba­res Gesicht, Charme und Attraktivität.

Der Auf­bau einer Erfolg ver­spre­chen­den Ser­vice­kul­tur ist nie ein blos­ser Mit­nah­me­ef­fekt sons­ti­ger Akti­vi­tä­ten, auf den lei­der so man­ches Unter­neh­men glaubt, sich beschrän­ken zu kön­nen. Das Ent­schei­dende ist die Umset­zung. Für diese sind eine For­mu­lie­rung von Leit­li­nien, deren Kom­mu­ni­ka­tion und die Zusam­men­stel­lung kon­kre­ter Mass­nah­men­pa­kete erst der Anfang.

Boni und Fortbildung

Als ent­schei­dend erweist sich bei­spiels­weise die Aus­rich­tung der Anreiz­sys­teme am Mass der Kun­den­ori­en­tie­rung. Will heis­sen: Aus­schlag­ge­bend für die Gewäh­rung von Boni an Mit­ar­bei­ter sollte der Kun­den­nut­zen am Ende eines Pro­zes­ses sein und nicht die mög­lichst effi­zi­ente Erfül­lung von Teil­schrit­ten. Wenn ein Unter­neh­men die Ser­vice­füh­rer­schaft anstrebt, die Qua­li­tät der Mit­ar­bei­ter­leis­tung aber zum Bei­spiel an einer mög­lichst kur­zen Bera­tungs­dauer fest­macht, passt die Mess­latte nicht zum Gesamt­ziel. Das­selbe gilt für eine Beschrän­kung der Fort­bil­dung auf eine Qua­li­fi­zie­rung in fach­li­cher Hinsicht.

Viel glaub­wür­di­ger ist ein offen­siv ser­vice­o­ri­en­tier­tes Unter­neh­men, in dem auch bei der Per­so­nal­ent­wick­lung die Kun­den­ori­en­tie­rung zum obers­ten Mass­stab avan­ciert. Dazu braucht man ver­bind­li­che Ser­vice­le­vel, deren Ein­hal­tung sich mes­sen lässt. Aus­ser­dem soll­ten Sys­teme für die Erfolgs­kon­trolle beschlos­se­ner Mass­nah­men für mehr Kun­den­ori­en­tie­rung ent­wi­ckelt wer­den. Kos­ten­ma­nage­ment wird natür­lich wei­ter­hin uner­läss­lich sein; es darf jedoch nicht zulas­ten der Kun­den­loya­li­tät gehen. Spü­ren sollte der Kunde statt­des­sen einen Ser­vice, der ihn mehr als nur zufrie­den­stellt. Das ver­langt nicht zwin­gend enorme Inves­ti­ti­ons­sum­men, son­dern in ers­ter Linie Esprit, Umset­zungs­stärke und moti­vierte Mit­ar­bei­ter. Selbst­ver­ständ­lich braucht exzel­len­ter Ser­vice eine solide Grund­lage. Ebenso wie die beste Sahne einen min­der­wer­ti­gen Kuchen nicht ret­ten kann, blei­ben extra­va­gante Ser­vicei­deen ohne posi­tive Wir­kung, wenn die Basis-Erwartungen der Kun­den nicht erfüllt werden.

Dazu zäh­len die Ansprü­che an die Qua­li­tät von Pro­duk­ten und Dienst­leis­tun­gen, aber auch an die der Freund­lich­keit, Schnel­lig­keit bei der Bedie­nung sowie die  Aus­kunfts­freu­dig­keit der Mit­ar­bei­ter in der Filiale, im Aus­sen­dienst oder an der Ser­vice­line. Nur Unter­neh­men, wel­che diese Anfor­de­run­gen erfül­len, haben ihre Ein­tritts­karte in den Markt gelöst; um dort län­ger ver­wei­len zu kön­nen, ist mehr, ist exzel­len­ter Ser­vice gefragt. Nicht umsonst wer­den Unter­neh­men fast nur wegen ihrer aus­ser­ge­wöhn­li­chen Ser­vice­qua­li­tät weiterempfohlen!

Quelle: medianet.ch

SabineHuebner_250x250Über die Autorin:

Sabine Hüb­ner ist Unter­neh­me­rin und Prak­ti­ke­rin durch und durch. Sie berät erfolg­reich Kon­zerne und Mit­tel­ständ­ler, die ihre Ser­vice– und Unter­neh­mens­kul­tur nach­hal­tig ver­bes­sern wol­len. Mit Krea­ti­vi­tät und Humor, aber auch mit einer sou­ve­rä­nen Kon­se­quenz, unter­stützt sie Unter­neh­men in der Ent­wick­lung und Ein­füh­rung von Service-Strategien. Dabei schöpft sie aus einem rei­chen Erfah­rungs­schatz als Unter­neh­me­rin und ver­bin­det die­ses Know-how mit moder­nen Didaktik-Methoden. Sabine Hüb­ner ist Keynote-Speakerin am Swiss CRM Forum 2015 in Zürich.

http://sabinehuebner.de

http://sabinehuebner.de/service-blog

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